8. Juni 2020

„Erziehung ist (k)ein Kinderspiel!“- Spielplatzkonflikte

„Erziehung ist kein Kinderspiel“ Spielplatzkonflikte

Julia (3) und Florian (5) sind mit ihren Müttern und ihren Fahrrädern bzw. dem Dreiradler am Spielplatz. Die Mütter plaudern, die Kinder spielen, bis sich folgende Szene entwickelt …

Florian braust mit seinem Fahrrad davon, Julia kann nicht mithalten und ruft verzweifelt: „Warte! warte!“ Doch Florian schert sich nicht darum. Auch nicht, als sie schon weint. Julias Mutter kommt ihrer Tochter zu Hilfe. Sie bremst Florian ein und pfaucht ihn an: „Jetzt bleib endlich stehen! Wie kannst du nur so stur sein!“ und befiehlt Rücksichtnahme. Florians Mutter hat sich herausgehalten, aber sie ärgert sich über den schroffen Ton der Freundin ihrem Sohn gegenüber und darum, dass sie ihn nicht fahren lässt, wie er will. Seither meidet sie den Kontakt.

Grundlegende Frage

Eine harmlose Alltagsszene, die aber die grundlegende Frage aufwirft, wie wir uns verhalten sollen, wenn unsere Kinder Probleme miteinander haben. Schließlich lernen Kinder Konfliktverhalten an unserem Vorbild. Es ist verständlich und grundsätzlich OK, dass Julias Mutter die Interessen ihrer Tochter vertritt, aber es ist nicht egal, wie sie das macht. Wann und wie sollen wir einschreiten? Kinder schützen? Oder nicht?

Eine kurze Analyse

Durch autoritäre Maßnahmen kann man Kinder nicht zur Rücksichtnahme motivieren. Auch wenn Florian nachgibt, bleibt ein leiser Groll. Er hat ein Recht, zu fahren, wie er will. Es geht hier auch um das Thema Abgrenzung. Julia lernt zu schreien statt zu verhandeln und macht sich bei ihren Freunden unbeliebt, wenn sie bei jeder Kleinigkeit ihre Eltern zu Hilfe holt.

Interessant ist auch, wie rasch die Mütter diesen Konflikt zu ihrem gemacht haben, anstatt ihren Kindern bei dessen Beilegung behilflich zu sein.

Konflikthelfer für Kinder werden

Meine Empfehlung: Seien Sie Kindern Konflikthelfer statt Schiedsrichter! Selbst wenn Sie versuchen, objektiv zu sein, was bei Julias Mutter offensichtlich nicht der Fall ist, können Sie es nie jedem recht machen. Außerdem lernen Kinder nicht aus ihren Konflikten, wenn Eltern die Lösungen vorschlagen oder gar aufdrängen.

Statt Rücksichtnahme aufzuzwingen, hätte Julias Mutter in diesem konkreten Fall zwei Möglichkeiten gehabt: Sie hätte ihre Tochter zu sich holen und bei ihr Verständnis für Florian erwecken können: „Du ärgerst dich, weil der Florian nicht auf dich wartet (Verständnis für die Gefühle ihrer Tochter zeigen durch aktives Zuhören). Anscheinend will er sich jetzt eine Weile austoben. (Verständnis für den anderen wecken) Sicher wird er später wieder mit dir spielen. (Hoffnung geben) Was möchtest du inzwischen tun?“ (Lösung anregen, aber nicht „fertig servieren“). Die Reihenfolge (verstehen, klären, lösen) ist ebenfalls entscheidend. Denn solange sich Julia nicht verstanden fühlt, wird sie für Erklärungen nicht zugänglich sein.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, an Florians Rücksichtnahme zu appellieren, indem sie versucht, seinerseits Verständnis für Julias Gefühle zu wecken und beide Kinder zu ermutigen und zu unterstützen, Lösungen für ihr Problem zu finden. Etwa so: „Du Florian, bleib mal kurz stehen!“ (Aufmerksamkeit einholen) Dann: „Die Julia ist traurig, weil du nicht auf sie wartest. (bei ihm Verständnis wecken) Sie will dich jetzt um etwas bitten.“ Sie sorgt dafür, dass Florian zuhört und erleichtert es ihrem Kind, für sich selber zu sprechen. Julia kann nun sagen, was sie stört und was sie will. Dadurch wächst ihr Selbstvertrauen und sie fühlt sich sowohl von ihrer Mutter emotional verstanden und unterstützt, als auch von Florian, dem es leichter gemacht wird, auf ihre Bedürfnisse einzugehen.

Wenn sich Florian trotzdem austoben möchte und weiterfahren will, so gilt es, dies zu respektieren und zu akzeptieren. Statt ihn zu beleidigen („Du rücksichtsloser Kerl!“) und womöglich zu drohen („Mit dir gehen wir nie wieder auf einen Spielplatz’!“) kann Julias Mutter positive Szenarien entwerfen und den Wunsch ihrer Tochter wiederholen: „Du möchtest dich jetzt also so richtig austoben und zeigen, wie schnell du fahren kannst. Die Julia würde sich freuen, wenn du danach mit ihr fährst.“Ich bin ziemlich sicher, dass jedes Kind auf solche Art zu motivieren ist, Verständnis und Rücksichtnahme zu entwickeln und dass beide Seiten aus dem Vorfall lernen.

 



EIN ARTIKEL VON

MeineFamilie.at